Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Vorfreude kurz vor dem Start

Dienstag, 01. Mai 2018

Vor ungefähr 4 Wochen Ende März bin ich nach monatelangen schweren Entzugserscheinungen endlich mal wieder im Wald gewesen.
Einerseits wollte ich testen, ob mein equipment den Test besteht: vor allem die neuen Stiefel, die mich 3 Monate begleiten sollen; auch wollte ich wissen, ob der Underquilt unter der Hängematte bei knapp 10°C warm genug ist. Andererseits wollte ich auch einfach endlich mal wieder nach so vielen kalten Monaten meinem Hobby nachgehen.
Wie immer, komme ich nach so einem Aufenthalt im Wald anders wieder heraus als ich hinein gegangen bin: vor allem entspannter.

Tatsächlich war es nach dem äußerst frostigen Februar und einem späten Wintereinbruch im März der erste Tag, an dem die ganz dicken Sachen zuhause geblieben sind. So konnte ich wirklich genießen, mir Nudeln zu kochen, das Tarp aufzubauen, die Hängematte aufzuhängen und darin noch ein bisschen zu dösen. Ich hatte die Heringe vergessen, aber mit Bordmitteln – kleinen, genügend harten Stöckchen – gelingt es auch, das Tarp auf dem weichen Waldboden zu verankern.

Blöd nur, dass mir die neuen Stiefel tatsächlich eine ganz ordentliche Blase an der linken Ferse verpasst haben.

Inzwischen war ich aber mit Kai ein weiteres Mal im Sachsenwald; die Stiefel bekamen eine andere Einlegesohle, und die Ferse war vorbeugend gut verpflastert, um weitere Blasenbildung zu vermeiden. Dabei ist zum Glück schon mal nichts passiert, und es war eine wirklich nette kleine Wanderung, verbunden mit einer wunderbaren ausgedehnten Hängemattenpause mit echtem soliden Schlaf.
2 Tage später war ich optimistisch genug, eine weitere Testtour anzugehen. Dieses Mal etwas länger: Ich bin nach Feierabend bei schönem Frühlingsabendwetter durch Hamburg marschiert. Los ging’s am frühen Abend so gegen 18:00h an der U-Bahnstation Sierichstraße zum Stadtpark. Und dort begann dann zwischen diversen Joggern und Hundegassigehern ein kleiner Trip in Erinnerungen an Kindheitstage: Ich kam vorbei am Rosengarten, wo ich später manche Schulfreistunde in einem der schönen, tiefen weißen Holzsesseln übermäßig ausgedehnt habe. Dann am Rodel“berg“, aus heutiger Sicht kaum mehr als eine sehr überschaubare Bodenwelle. Ganz in der Nähe dann das große Planschbecken, immer noch eingefasst von einem umlaufenden „Strand“ als überdimensionale Sandkiste, und auch der Kiosk und das Strandcafé existieren noch.

Großes Planschbecken im Stadtpark

Großes Planschbecken im Stadtpark

Der Seelöwe aus Stein steht da wie eh und je, und ich kann mich erinnern, wie schwer es mal war, auf ihn zu klettern.

Auch die „Badende“ trocknet sich in der Nähe immer noch ab. Den Ententeich finde ich sofort, dort bin ich den Enten durch den Matsch schon hinterher gerobbt, als ich noch nicht einmal laufen konnte.

Das alles hat sich zum Glück recht wenig verändert – aber Veränderung gibt es trotzdem: Auf den Wiesen lagern und grillen zahllose Grüppchen , jedes mit anderer Musik aus dem Ghettoblaster.  Und selbst an einem Dienstagabend außerhalb von irgendwelchen Ferien ist es voll, auf mich wirkt der Park im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten überlaufen. Sicher ein Phänomen, das viel mit dem Zeitgeist zu tun hat: Draußen ist das neue Drinnen.

Nach gut einer halben Stunde bin ich der Länge nach durch den Stadtpark durch, und verlasse ihn am Rand der City-Nord über die Jahnbrücke. Dann kommt ein weiterer Teil der Kindheitserinnerungen, denn ich gehe nun dort entlang, wo ich aufgewachsen bin. Die Gartenkolonie wirkt klein und kurz, ganz im Gegensatz zu Kindermaßstäben. Anuschka, die Fee, die in einen Baum verwandelt wurde, steht noch da, wo sie immer stand, ist aber sehr groß. Der Kinderspielplatz existiert nicht mehr, auch nicht die Bäume, auf die man so schön klettern konnte.

Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen alter Verbundenheit und dem Gefühl, keinen Anteil mehr an diesen Orten zu haben. Namen fallen mir ein, und ich versuche, sie an den Pforten zu finden – aber Beschriftungen gibt es dort nicht.

Ich gehe langsam hindurch, und als ich am Bahnhof Rübenkamp herauskomme, ist dort erwartungsgemäß viel los in der Außengastronomie des Schachcafés. Während meiner Kindheit war das Bahnhofsgebäude genau das – ein Bahnhof – mit mindestens 2 Angestellten: Nr. 1 verkaufte die dicken Fahrkarten aus Pappe, meist gab es einen weiteren, der sie entwertete, und unten am Bahnsteig noch jemanden, der die S-Bahnzüge abfertigte – also alles noch vor der Zeit der Fahrkartenautomaten. Langsam fühle ich mich selbst etwas wie ein Relikt…

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich besser losreißen und wieder schneller gehen muss. Ich plane, durch den Friedhof Ohlsdorf zu gehen, als größter Parkfriedhof der Welt ist er etwa 4 Mal so groß wie der Stadtpark. Er wird um 21:00h geschlossen, und als ich an seinem Haupteingang Ohlsdorf stehe, ist es bereits 19:50h. Wirklich dunkel ist es kurz nach 21:00h, und ich muss mich etwas beeilen, durch die einsetzende Dämmerung die etwa gut 4,5 Kilometer hinter mich zu bringen.

Allmählich wird es ganz schön dunkel auf dem Friedhof

Ganz anders als im Stadtpark ist es hier größtenteils menschenleer, aber unheimlich ist es mir nicht. Ich marschiere stramm, und bin etwa um 20:45h am Ausgang auf der anderen Seite. Bald danach ist es tatsächlich ganz dunkel, und ich beschließe, ein paar Stationen mit dem Bus Richtung Heimat zu fahren – dazu muss ich allerdings eine ganze Weile an einer Hauptstraße entlang bis zur Haltestelle gehen. Entschieden der am wenigsten schöne Teil dieser Tour. Am Ende bin ich dann insgesamt rund 14,3km gewandert, und auch dieses Mal haben die Stiefel gut funktioniert. Mehr und größere Tests sind kaum mehr möglich, aber ich bin zuversichtlich, dass ich klarkommen werde.

Und  jetzt sind es nur noch wenige Tage bis zum Aufbruch; kommenden Montag fliege ich am Morgen nach Basel, fahre mit den dortigen Öffis nach Weil am Rhein und wandere die ersten paar Kilometerchen bis Haltingen. Bisher waren die geplanten Touren noch in der Ferne, Arbeits- und sonstiger Alltag haben wenig Platz gelassen, dass ich mich richtig darauf einstelle – aber nun kommt sie allmählich auf, die bekannte Mischung aus Spannung und Vorfreude. Gepackt ist noch nichts, aber es ist alles da. Im Grundsatz werde ich so packen wie letztes Jahr für den Pfälzer Wald, mit ein paar zusätzlichen Dingen. Meine Planung ist fast fertig, es fehlen nur noch 3 Etappen am Ende des Goldsteigs, für die ich noch Unterkünfte heraussuchen müsste.

Von dem ursprünglichen Gedanken, am Anfang eine organisierte Tour im sonnigen Süden zu buchen, bin ich ganz abgekommen. Vielleicht hänge ich stattdessen eine Woche an – aber das müsste ich tatsächlich meiner Spontanität überlassen und auch ein bisschen dem Stand im Portemonnaie.