Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Auf dem Lykischen Weg 2016, Teil I

Nach fast 3 Monaten nehme ich mir nun endlich meine Notizen vor, um den längst überfälligen Bericht über die Tage in der Türkei Ende April / Anfang Mai anzufangen. Sofort sind wieder die Bilder da, und es fällt nicht schwer, diesen Trip zu rekapitulieren. Es war das 3. Jahr in Folge in derselben Gegend, mit ähnlichen Vorhaben, und wieder war es ein auf beste Weise gemischter Urlaub mit Anstrengung – an einer Stelle auch zu viel -, Spannung und Erholung. Es fällt mit schwer, eine Region zu finden, die eine solche Vielzahl an Vorzügen vereint: Verlässlich warmes Wetter ohne Dauerregen oder Temperaturstürze, abwechslungsreiche Landschaften mit Meer, Wald und Bergen, hohe Dichte an (vor allem antiken) Sehenswürdigkeiten, große Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten überall am Weg, und auch die Möglichkeit, zu zelten, ohne auf lärmende Campingplätze angewiesen zu sein. In diesem Jahr kam noch hinzu, dass die Türkei wesentlich weniger touristische Gäste hatte als sonst, besonders die russischen Touristen sind ausgeblieben, wegen der aus politischen Gründen nicht stattfindenden Flüge in die Türkei. Für die verbliebenen Touristen bedeutet dies mehr Ruhe und Auswahl, und auch gesunkene Preise. Die Anbieter einschließlich der Ladeninhaber vor Ort in den Dörfern und Zentren, die im Wesentlichen vom Tourismus leben, hofieren geradezu alle, die wie sonst auch in der Türkei Urlaub machen. Auch auf dem lykischen Weg sollen nur noch höchstens die Hälfte der sonst üblichen Wandergruppen der Wanderreiseanbieter  unterwegs gewesen sein. Tatsächlich habe ich auch keine einzige gesehen, und das „Wikinger“-Hotel in Adrasan war bei meiner Ankunft leer, obwohl es sonst praktisch ausgebucht gewesen wäre. Es mussten wohl viele Reisen gestrichen oder auf nur noch wenige Termine zusammengelegt werden. Auch meine beiden Flüge fanden nicht so statt, wie geplant.

Am Freitag, 22.04.16 geht es deshalb auch nicht wie gedacht ganz früh los, sondern erst um 15:10,  d.h. Ankunft in Antalya um 20:45 Ortszeit. Damit entfällt die Option, gleich noch weiter nach Kalkan zu reisen, und ich muss in Antalya übernachten. Dafür hatte ich im bewährten Hotel Tulipan ein Zimmer reserviert, und auch das Abholen am Flughafen klappt wie im letzten Jahr bestens. Auf der Fahrt durch die Stadt fällt mir auf, dass viel Polizeipräsenz auf den Straßen herrscht; es mag damit zusammen hängen, dass es in letzter Zeit immer wieder Attentate in der Türkei gegeben hatte (in Antalya allerdings bisher nicht), und dass am nächsten Tag die Expo in Antalya ihre Pforten öffnen sollte.

Im Hotel angekommen, stelle ich nur den Rucksack ab, nehme die Kreditkarte und mache mich auf den Weg, um Geld zu tauschen und etwas zu essen und zu trinken  – einschließlich eines Auftaktbiers – zu kaufen. Dann mache ich es mir auf dem Balkon gemütlich und genieße das aufkommende Urlaubsgefühl nach der vorangegangenen Hektik der letzten Tage. Nach einer netten ruhigen Nacht gibt es ein wunderbares Frühstück, von dem ich mich aber bald losreiße, und mich etwa um 10:15 auf den Weg zur Antray mache, die mich zum Otogar bringen soll. Alles ist wie im letzten Jahr, und ich profitiere davon, dass ich nicht mehr so lange zum Orientieren brauche.

Den Bus erwische ich wie geplant um 11:30, aber leider ist es dieses mal nicht solch ein Luxusbus, wie ich sie auf dieser Strecke schon erlebt habe, sondern ein einfacher Bus auf Dolmuş-Niveau. Die Fahrt dauert mit rund 4 3/4 Stunden bis zur Ankunft in Kalkan länger als der Flug, aber ich bin noch früh genug dran, um den Rest des Tages zu genießen. Das ausgesuchte Hotel ist sehr nett, ich mache mich auf meiner Terrasse breit, sehe auf das Meer (leider von etwas Baulärm beeinträchtigt) und tue mir am Abend äußerst leckere Nudeln rein.

Am nächsten Tag, am 24.04.16, soll es nun endlich mit dem Wandern losgehen; da ich die kommende Nacht in Gelemiş  im Hotel verbringen möchte, brauche ich Zelt, Isomatte, Schlafsack und die Küche nicht. Das Hotel in Kalkan ist bereit, die Sachen aufzubewahren, bis ich 2 Tage später nach den beiden Touren nach Gelemiş und zurück wieder in Kalkan bin. Diese beiden Etappen kenne ich noch nicht; der lykische Weg beschreibt hier einen „Exkurs“ (einen Rundkurs, quasi wie eine Ausbuchtung), und man kann an einem Tag weiter landeinwärts nach Gelemiş / Patara wandern, und am 2. Tag eine südlichere Variante, dichter am Meer wieder zurück gehen (oder auch umgekehrt). Genau das habe ich nun mit leichterem Gepäck vor mir. Ich gehe in’s Stadtzentrum und leiste mir ein Taxi, denn ich möchte mir den Zuweg zum Startpunkt an der dicht befahrenen Küstenstraße sparen. Los geht’s: Sonnenhut aufsetzen, Stöcke ausfahren, trinken, Fotos machen:

Zunächst geht es recht lange durch beißendes, kratzendes Gestrüpp, meist ohne Schatten (Macchia). Eine lange Hose ist hier unbedingt zu empfehlen. Der Weg ist schmal, aber einfach zu gehen und ohne zu viele Höhenmeter.

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Pfad durch die Macchia

In der Ferne kann man die vielen Gewächshäuser sehen, die praktisch die ganze fruchtbare Ebene füllen. Ich glaube, in Spanien heißt so etwas „Mare de plastico“, riesige spiegelnde Gebiete, die viele Zugvögel fälschlicherweise für Wasserflächen halten und hier beim Landen oft genug zu Tode kommen. Ich hoffe, dass diese Fläche hier in der Türkei wenigstens nur einfach hässlich ist und nicht unter einer Zugvogelroute liegt.

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Dann folgt bald der Aquädukt aus der Römerzeit, den man auch direkt aus der Nähe ansehen kann, etwas später führt sogar der Weg kurze Zeit darauf entlang. Inzwischen ist es recht heiß, und ich mache im Schatten des Aquädukts ein Trinkpäuschen.

Danach wird die Landschaft waldiger, es geht im leichten Auf und Ab durch einen abwechslungsreichen Abschnitt, und der Weg ist nie zu schwierig.

Bald komme ich an die im Wanderführer beschriebene Wasserstelle, ein Betonbecken, in das sich eine Quelle ergießt, und das von Hunderten Bienen zum Trinken besucht wird. Sie sind nicht aggressiv, und ich schaufele mir auch etwas Wasser in das rote, erhitzte Gesicht.

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Tränke für sehr viele Bienen und eine Frau

Bald danach ist zu erkennen, woher die Bienen alle kommen:

Kurz danach sehe ich einen jungen Mann mit dunklen Haaren und untergeschlagenen Beinen unter einer Kiefer sitzen, in einem kleinen Buch lesend. Er verhält sich ganz reglos, und fast hätte ich ihn nicht bemerkt. Ich frage mich, ob ich hier auf den jungen Siddhartha Gautama treffe – die Assoziation drängt sich einfach auf. Er ist aber ganz prosaisch ein Backpacker, der mich nach der Quelle fragt und nach ein paar weiteren Details zum Weg. Ich kann ihm mit Papierkarte und digitaler Karte auf dem Smartphone weiterhelfen. Dann wird die Gegend landwirtschaftlich, und ich bin nervös und vorsichtig wegen eventueller Wachhunde. Es bleibt aber alles unauffällig, und schließlich komme ich wieder in einen nun sogar dichteren Wald. Ich suche mir ein Plätzchen zum Pausemachen – seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen – und bald darauf kommt Siddartha nun an mir vorbei. Wir kommen noch einmal in’s Gespräch, und ich erfahre, dass er Mexikaner ist und durch Europa reist. In Deutschland hat er eine Freundin in Tübingen, und zum Beweis hält er einen Brief hoch. „Frühlingskuss“ steht darauf. Er ist harmlos, und jeder geht weiter seiner Wege.

Um etwa 17:30 schlage ich salzverkrustet im Ort auf, mit hektischen Flecken im Gesicht und beginnendem Herpes. Trotzdem fühle ich mich gut, und nach einigen Anlaufschwierigkeiten (der Hotelbesitzer ist nicht da) bekomme ich ein Zimmer in der gewünschten Unterkunft „Dardanos Hotel“. Dort ist nur 1 weiterer Gast, mit dem ich plaudere und zum Essen gehe. Er ist ebenfalls Solowanderer, hat allerdings eine fertig vorbereitete Wanderreise mit Gepäcktransport gebucht. Die Unterhaltung ist ganz interessant, auch der Hinweis, dass die morgige Strecke eher auf Forstpisten verläuft.

Am nächsten Tag, den 25.04.16 möchte ich noch von Gelemiş/Patara aus zum einen die Ruinen und zum anderen den mit rund 22 km längsten Sandstrand der Türkei ansehen. Beides ist ein Stück auswärts und war am Tag vorher nicht mehr zu schaffen. Also mache ich mich nun morgens auf den Weg.

Zunächst sehe ich mir die verstreut im Brachland liegenden Ruinen der antiken Stadt Patara an.

Wenn man schon durch Phaselis und Olympos gestreift ist, erscheint dies hier zwar interessant, aber nicht spektakulär. Ich gehe weiter, in Richtung Strand. Dort ist es enorm windig, die Strandbar ist geschlossen, das Meer hat hohe Wellen, und die lange, menschenleere Ausdehnung kann man erahnen. Hier wirkt es plötzlich rauh und wild; typische Mittelmeer-Badeurlaub-Atmosphäre kommt hier nicht auf.

Beginn des langen Sandstrands von Patara

Beginn des langen Sandstrands von Patara

Ich könnte dies noch genießen, aber mir sitzt die Zeit im Nacken. Ein Taxi – anders als sonst üblich – steht nicht hier, wegen der wenigen Touristen lohnt es nicht. Ich gehe also wieder etwa 1,2 km zur Schranke zurück, wo ich den Eintritt gezahlt hatte. Es wird jetzt schon heiß, und ich hoffe, dass die heutige Strecke nicht zu viel in der prallen Sonne verläuft. In einer Wiese am Straßenrand bemerke ich aus dem Augenwinkel eine seltsame, huschende Bewegung, und an einer freien Stelle sehe ich die Ursache: Eine grau-braun gemusterte Schlage, sicher länger als  Meter. Aber leider ist sie für ein Foto viel zu schnell wieder im Gras verschwunden.

An der Schranke holt einer der Wärter ein Taxi, das sehr schnell ankommt und mich zum Kreuzungspunkt bringt, an dem ich gestern auf dem Weg in den Ort schon vorbeigekommen bin. Nun geht es für mich nicht in Richtung der Pferde nach links, sondern geradeaus auf der Piste weiter, und erst einmal ganz schön hoch. Bald kann ich die Ruinen und den Strand in einiger Entfernung unter mir erkennen:

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Danach wird die Piste abschüssig und führt auf der anderen Seite des Berges in stark erodierten Kehren nach unten in ein Tal, in dem mehrere Häuser versteckt zwischen Olivenbäumen stehen. Ich begegne aber niemandem.

Olivenbäume im Tal

Olivenbäume im Tal

Danach geht es aufwärts, die Schotterpiste wird breit und wenig schön, bis sie wieder durch etwas Wald führt, wo ich ein Päuschen einlege.

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Allmählich kommen Wolken auf, ich verlasse den Wald immer noch auf dem breiten Weg, der dann durch Wiesen führt und in der Ferne das Meer sehen lässt. Hier kommt mir noch einmal der Mexikaner entgegen, der in der Nähe sein Zelt aufgebaut hat. Die Wolken werden dunkler und zahlreicher  und er  hofft, das es nicht regnen wird. Das tue ich allerdings auch, denn es ist noch ein ganzes Stück, und ich habe dieses Jahr nur einen billigen transparenten Notfallregenponcho mit, keine ordentlichen Regensachen. In den beiden letzten Jahren habe ich sie ganz umsonst hin- und hergetragen.

Ein kurzes Stück führt der Weg durch ein felsiges Gebiet, und hier ist noch einmal recht hübsch.

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Schließlich wird die Piste zur etwa 1,5 km langen Staubstraße – ein langer, uninteressanter Hatsch. Ich komme an den Punkt, wo sich der Kreis schließt, gehe aber nicht das Stück durch die Macchia, sondern geradeaus weiter direkt zur Küstenstraße. Dort stelle ich mich hin und hoffe, dass bald ein Dolmuş kommt. Stattdessen kommt ein Opa, und ich kapiere, dass – anders als im Wanderführer beschrieben – hier kein Dolmuş fährt. Der Opa macht deshalb Hitchhiking für mich, und tatsächlich hält bald ein Auto (das verdächtig nach Benzin riecht) mit 2 jungen Männern darin, die mich anstandslos das (für Automaßstäbe) kurze Stück bis Kalkan bringen. Wunderbar. Ich mache mich auf den Weg zum Hotel, aber kurz davor rennen 2-3 Hunde auf mich zu und bellen böse. Hinter mir hält ein Kleinbus, die Insassen steigen aus und fragen, ob die Hunde ein Problem seien. Nun ja, noch weiß ich das nicht so genau – aber bald kommen immer mehr Hunde dazu, dann sind es 7 oder 8 und es wird wirklich brenzlig. Einer der Hunde, groß und hellbraun, hat offenbar Kampfhundanteile, und dieser ist sicher am gefährlichsten. Auch er knurrt drohend – da nimmt einer der Männer aus dem Auto einen meiner Stöcke, und wirft damit nach dem Hund – leider ohne Wirkung, keiner der Hunde trollt sich. Sie bilden nun einen dichten, drohenden Kreis. Ich weiche zurück, bis ich an das Auto stoße und fange an, unwillkürlich zu quieken. Der Mann verpasst dem größten Hund einen kurzen Schlag – es ging nicht anders, und es dürfte auch nicht schlimm gewesen sein. Endlich verdrücken sich die Hunde, allerdings erst, nachdem sich der Anführer trollt. Ich bin froh, nicht allein gewesen zu sein und atme tief durch. Dies sollte die einzige gefährliche Situation für den Urlaub bleiben. Auch von der Hunde-Begebenheit abgesehen, war dieser Wandertag im Übrigen ok, aber kein Highlight, sondern eher der Tag der Schotterpiste. Immerhin hat es trotz der Wolken bis dahin nicht geregnet.