Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

11.-13.06.18

Als ich beim 2. Mal beim Hamburger Orthopäden bin, habe ich bereits fast keine Beschwerden mehr – nur, wenn ich mit dem Finger in die richtige Stelle bohre, tut es noch etwas weh. Die 2-Komponenten-Spritze mit Betäubungsmittel und Cortison hat also ganze Arbeit geleistet, und ich bekomme grünes Licht für die nächsten Touren. Eine weitere Behandlung entfällt – nur eine Bandage mit stabilisierenden Geleinlagen soll ich tragen. Das sind genau die Nachrichten, die ich erhofft hatte, und nun kann ich mich freuen, mich wieder auf den Weg zu machen.

Meine Planung sieht nun wie folgt aus: Zum Probieren will ich zunächst nur 3 Tage in der Lüneburger Heide wandern, denn dafür muss ich keine lange Anreise riskieren, und ich kann die Tour notfalls einfacher unterbrechen. Das Gepäck wird leichter sein, ohne Übernachtungsequipment für draußen und ohne Küche. Wenn alles gut geht, soll es danach erst einmal mit immer noch leichtem Gepäck zunächst zum Natursteig Sieg – grob gesagt, östlich von Bonn – gehen, und anschließend wie ursprünglich geplant in’s Elbsandsteingebirge. Der Natursteig Sieg hat den Vorteil, dass ich wie am Malerweg auch hier mit einem Standquartier auskommen kann, denn parallel zum Weg und zur Sieg gibt es eine S-Bahnlinie, so dass man die Ein- und Ausstiege in die Etappen einfach verbinden kann.

Am Montag, 11.06.18 fahre ich also nach Handeloh, und will auf dem Heidschnuckenweg bis Undeloh wandern, wo ich für 2 Nächte ein Zimmer gebucht habe. Es sind 17 km, die ich aber beruhigenderweise abkürzen kann.Ich komme erst recht spät in Handeloh an, denn ich habe am Anfang eine U-Bahn verpasst, aber die Zeit reicht trotzdem für die Strecke und auch noch für eine Hängemattenpause.

Nach fast 3 Wochen wieder auf Kurs

Ich genieße das angenehme Wetter und das Gefühl, dass der Problemfuß kein Problemfuß mehr ist.

Vor 5 Jahren bin ich hier während meiner Deutschlandwanderung auch entlang gekommen; viel erkenne ich nicht wieder, nur an einer Stelle kommt die Erinnerung: damals hatte ich ein Bild eines vermodernden Pausenplatzes am Wegrand kommentiert mit „Wald frisst Tisch und Bank“. Inzwischen hat der Wald weiter gefressen:

Der Weg ist hübsch und abwechslungsreich, es läuft sich auch mit der dicken Bandage gut – und ich gewinne die Zuversicht, dass ich meine Pläne in veränderter Form gut umsetzen kann. Viele Wanderer sehe ich nicht, nur vereinzelt; und ein Mal in der Nähe von Thonhof kommt ca. 200 vor mir jemand aus einem Seitenweg, der nackt aussieht. Ich kann mir darauf keinen Reim machen, aber der Blick durch das kleine Fernglas bestätigt: ich sehe einen nackten Mann von hinten, der ein Korb oder Eimer trägt. Auf mich wirkt das sehr, sehr seltsam, und ich halte den großen Abstand. Wer weiß, vielleicht ist das ein exhibitionistischer Triebtäter? Ein Kettensägenmörder? Das Rätsel werde ich nie lösen, der Triebtäter geht bald einen anderen Weg als ich und wir tun uns gegenseitig nichts.

Kurz vor Undeloh mache ich ein Päuschen abseits vom Weg; ich habe nicht meine geliebte Übernachtungshängematte dabei, sondern eine ultraleichte Version, die sich bestens für eine entspannte Pause eignet, aber nicht für eine ganze Nacht. Tatsächlich schlafe ich noch eine gute Stunde, dann sind es nur noch rund 3km bis Undeloh, wo ich schnell meine Unterkunft finde und dann zum Essen gehe (Spargel!).

Am Dienstag, 12.06.18 gehe ich von Undeloh aus wieder größtenteils auf dem Heidschnuckenweg, dessen eckigen Bogen man gut zu einer Rundwanderung in Form eines Dreiecks verbinden kann. Zu Anfang suche ich mir Wege durch den hübschen, lichten Kiefernwald südlich des Ortes in Richtung Wilsede abseits der breiten Sandpisten für die Kutschfahrten.

Nach dem Wald folgen offene Heideflächen bis Wilsede, die ich und dieser Einheimische

fast für uns allein haben. In Wilsede selbst kehre ich ein und bummle ausführlich durch das Museum.

Beim Verlassen des Ortes führt der Weg an einigen ehrwürdigen alten Hutebäumen

und an einer Weide mit den netten Viechern vorbei, nach denen der Heidschnuckenweg benannt ist.

Es sind vor allem Mutterschafe mit ihren schwarzen Kindern – und eines davon hat es geschafft, sich durch den Zaun zu quetschen und läuft nun davor blökend hin und her, während das Mutterschaf drinnen antwortet. Ich spreche ein junges Paar an, das hier auch gerade Halt macht und schlage vor, dass wir das Lamm einkreisen und durch das Gatter – das man zum Glück öffnen kann – wieder zurückbringen. Es kommt noch ein Spaziergänger mit 2 super erzogenen Hunden dazu, und nach einigen Fehlversuchen schaffen wir es gemeinsam, das Lamm und noch ein weiteres, das ebenfalls ausgebüxt war, wieder mit den Muttertieren zu vereinen. Ich bin sehr froh über dieses Ergebnis, hoffe aber, dass der Schäfer bald mal den Zaun kontrolliert und repariert.

Danach führt der Weg fast die ganze Zeit durch schönste, ausgedehnte Heideflächen, die allerdings an einem bedeckten Junitag nicht ihre Sternstunde haben. Auch hier schlage ich mich an geeigneter Stelle in den angrenzenden Wald und mache wieder eine schöne Hängemattenpause; durch die häufigen und längeren Unterbrechungen dieser wunderbaren Tour wird es schon langsam dämmrig, bis ich wieder die Ausläufer von Undeloh erreiche – und da sehe ich voller Entzücken noch diesen jungen Mann hier:

Es lohnt gar nicht, erst noch in mein Zimmer zu gehen und zu duschen, ich gehe gleich essen und genieße den Abschluss dieses wirklich gelungenen Wandertages.

Am 13.06.18 mache ich mich wieder auf den Weg nachhause; dafür habe ich mir selbst einen Weg bis zum Bahnhof Wintermoor zusammen geklickt, und hoffe, dass ich mir nicht nur große Forstwege ausgesucht habe. Dem ist nicht so, teilweise sind es Pfade mit umgestürzten Bäumen und kniehohem Gras ohne Spuren – hier dürften nur selten Menschen vorbei kommen. Es gibt auch hübsche Forstwege

und weniger schöne Schotterpisten. Trotzdem bin ich auch mit dieser Tour sehr zufrieden, wie auch mit einer weiteren Hängepause,

kurz, bevor ich den Zielort und den Bahnhof rechtzeitig für den Zug zurück erreiche.

Mein Fazit bis dahin kann nur sein, dass ich sowohl mit der sehr genossenen Zwangspause im schönsten Sommerwetter zuhause, als auch mit dem wieder funktionierenden Wandern sehr einverstanden bin.