Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Im Nationalpark Müritz

Am Sonntag, 11.10.2015 fahre ich nach Osten, in eine Richtung, die ich bisher noch nicht eingeschlagen habe. Mein Ziel ist der Nationalpark Müritz und besonders interessiert mich das Kerngebiet des Nationalparks, das als Teil des Unesco-Weltnaturerbes „Alte Buchenwälder Deutschlands“ anerkannt ist (Link).

Herbst am Schweingartensee

Herbst am Schweingartensee

Ich hoffe auf eine schöne Landschaft und schönes Licht für Fotos in warmen, herbstlichen Farben. Anders als sonst entschließe ich mich, dieses Mal mit dem Auto zu fahren, es ist mit rund 270 km nicht so weit, und vor Ort bin ich natürlich flexibler. Der Müritz-Nationalparkweg wäre für eine Streckenwanderung mit 9 Etappen zu lang, denn ich habe nur 1 Woche Urlaub und auch zuhause noch einiges vor. Also lade ich die Tracks für ein paar Rundwanderungen herunter und mache mich auf den Weg nach Feldberg. Auf dem Hinweg mache ich Halt in Zinow am Rand des Nationalparks und starte am Nachmittag zu einer ersten kleineren Runde (5,5 km, Wildschwein-Symbol). Hier befindet sich Mischwald – kein reiner Buchenwald -, oft mit höheren, weit auseinander stehenden Fichten mit dichten Heidelbeerbüschen darunter. Etwas später streife ich auch das Kerngebiet des Nationalparks und ich habe den Eindruck eines schönen, aber eigentlich nicht sooo ungewöhnlichen Waldes. 

Herbstliche Birken

Herbstliche Birken

Nach der kleineren Runde hat das Handy auf dem Waldparkplatz Schwierigkeiten, ein Netz zu finden, und ich muss bis zum nächsten Ort fahren, damit es mich wieder routen kann. Nach rund einer halben Stunde Fahrt nach Feldberg über Landstraßen durch eine hübsche, wellige Landschaft treffe ich im Hotel ein und bin sofort von der Lage, dem Haus und dem Zimmer sehr angetan.

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Luzinsee in der Abenddämmerung

Montag, 12.10.2015 fängt schon mal mit einem fürstlichen Frühstück gut an. Der Luxus bezieht sich auf alle Zutaten, auch auf den Sonnenschein und den wolkenlos klaren blauen Herbsthimmel.

Frühstück für alle Sinne

Nach dem Frühstück fahre ich nach Carpin, auf den Parkplatz am Südende des Ortes. Von dort soll es in einer großen Runde um den Schweingartensee gehen, der Weg wird dabei auch das Kerngebiet des Nationalparks berühren.

Es wird eine der schönsten Strecken, die ich je gegangen bin. Mit Ausnahme eines historischen Damms südlich vom Schweingartensee und in der Nähe von Serrahn bin ich nur auf kleinen Pfaden unterwegs. Gleich am Anfang geht es schon durch Buchenwald, und ich fotografiere einen großen, alten Veteranen, der schon vor einiger Zeit einen seiner mächtigen Äste verloren hat. Dieser legt neben ihm und ist selbst so groß wie ein Baum, inzwischen bewachsen von Pilzen und Moosen.

Den größeren „Zubringerweg“ verlasse ich bald und schlage einen grasbewachsenen Pfad ein, der am Schwarzen See vorbeiführt. Hier sehe ich noch 2 andere Menschen, danach wird es erst einmal heißen „Karin allein im Wald“.

Nach dem See verliere ich den Track und den Weg, auf dem er liegt. Ich irre etwas umher, und versuche mich und meine angezeigte Position auf dem Wandernavi so zu lenken, dass sie den Track treffen – aber es wird auch dadurch erschwert, dass ich etwa 20 m neben dem Weg angezeigt werde, selbst wenn ich direkt darauf stehe. Dies kann bei kaum erkennbaren, schmalen Wegen, die wenig mehr sind als ein Wildwechsel, durchaus mal Probleme machen. Rückblickend habe ich überhaupt festgestellt, dass die topographische Karte von Garmin und die Realität hier überdurchschnittlich oft nicht übereinstimmen, und zwar in beide Richtungen: Wege auf der Karte gibt es nicht in der Realität und umgekehrt existieren tatsächlich viele Wege, die die Karte nicht kennt. Nach meiner Schätzung trifft dies besonders in den weniger begangenen Gebieten auf bis zu etwa 1/4 bis 1/3 zu. Nach etwa 600 m habe ich aber den Weg eindeutig wiedergefunden und für den Rest der Tour auch keine solchen Schwierigkeiten mehr.

Bald komme ich an einen Altarm des Sees, der aussieht, wie ich mir als Kind (und auch heute noch) den unheimlichen kleinen See vorgestellt habe, in dem der böse Grimnir, der Verhüllte in Alan Garners Fantasyromanen gehaust hat (Llyn Thee – Grimnir’s Lair, siehe auch hier und genauer hier). Unter anderen Bedingungen im grauen Nieselregen, vielleicht auch in einem Sturm hätte dies gut passen können, jetzt in der Sonne wirkt allerdings gar nichts furchteinflößend.

Dann erreiche ich das Ostufer des Schweingartensees, und eine Stelle, die noch vor 2 Monaten sofort den Wunsch zum Baden oder wenigstens Planschen mit den Füßen ausgelöst hätte. Hier ist es auch jetzt noch schön warm, sonst sollte man sich bei etwa 8-9°C lieber bewegen, um nicht zu frieren – erst recht in den kühlen, schattigen Buchenwaldtälern, die den ganzen Tag nicht von der Sonne erreicht werden. Gegen die Kälte habe ich den kleinen Gaskocher, Topf, Becher und einen Marzipan-Instantkakao eingepackt. Wenn ich eine geeignete (nicht allzu frequentierte) Pausenstelle finde, will ich mir einen schönen heißen Kakao machen, Wasser habe ich ja sowieso dabei. Aber noch finde ich es dafür zu früh.

Danach geht es eine ganze Weile auf einer historischen „Straße“ mit altem Pflaster weiter, und auch hier bin ich allein. 

Nach der Abbiegung von dem breiten Pflastersteinweg komme ich an eine Lichtung mit 2 Häuschen (eines davon ist eher ein Schuppen), aber es ist nicht erkennbar, ob hier jemand ständig wohnt. Sonst wäre hier die ideale Stelle, um nun doch endlich den Kocher anzuwerfen, aber dies möchte ich lieber ohne mögliche Zuschauer tun. Hier ist außerdem der Punkt, an dem ich mich entscheiden sollte, die geplante Länge der Tour abzukürzen oder sie ganz zu gehen. Mittlerweile ist es Nachmittag geworden, und mir ist klar, dass ich bis spätestens 17:30 das Auto erreicht haben sollte, um nicht noch im Dunkeln im Wald zu sein (für Notfälle habe ich aber Stirn- und Taschenlampe). Ich entscheide mich für’s Abkürzen – wieder mal -, um noch genügend Licht für Fotos bei dem kleinen Ort Serrahn zu haben, wo ich das Kerngebiet des Nationalparks streife und auch ein Moor überqueren soll. Auf dem Weg dorthin sehe ich ein Reh in ungefähr 100m Entfernung (vielleicht etwas weniger), und wir sehen uns eine Weile an, ehe es wieder im Wald verschwindet. Dann komme ich an das Kerngebiet, das mir aber nicht besonders auffällt, und zu einem Pausenplatz mit Bänken.

Bald danach erreiche ich wieder den Schweingartensee, dieses Mal an seinem Nordufer und mache noch ein paar weitere Bilder im goldenen Licht.

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Dann dauert es nicht mehr lange, und ich komme wieder auf den Zubringerweg, der zum Parkplatz am Ortsende von Carpin führt. Der Buchenveteran, den ich hier am Mittag noch in der Sonne fotografiert hatte, steht nun ganz im Schatten, es wird sehr kühl, und ich freue mich nach dieser wirklich schönen Tour auf mein beheizbares Auto, das wie immer brav auf mich wartet.

…mehr als 23 Jahre alt

Am Dienstag, 13.10.2015 ist es leider wie unisono von allen Wetterberichten angekündigt sehr grau und sehr kalt – aber immerhin trocken und nicht windig. Ich fahre wie geplant zum Startpunkt zu einer Tour rund um den längeren Teil des Schmalen Luzin (einer der sehr vielen Seen der Gegend). Dort müsste ich allerdings am Anfang oder Ende der Rundtour den See an einer Schmalstelle überqueren; ich hatte gedacht, dass es eine Brücke gibt, aber bei der Verbindung handelt es sich um eine Fähre, die unbenutzt am Ufer schaukelt. Um mich herum gibt es – an einem Wochentag und trotz der nicht gerade idealen Wetterbedingungen – etliche weitere Wanderer und Spaziergänger. Hier kann ich bestimmt nicht mit einer ungestörten Runde rechnen. Ich überlege kurz und entschließe mich zu einer Planänderung: Ich möchte noch ein weiteres Mal im Wald des Nationalparks wandern, suche mir als Startpunkt dafür den sehr kleinen Ort Goldenbaumer Mühle (weniger als 10 Häuser) aus und fahre los. Als ich von der Landstraße abzweige und in die kleine Zufahrtsstraße biege, kommt das Display des Handys ins Stottern, so groß sind die Erschütterungen des holprigen Kopfsteinpflasters. Nach knapp einem Kilometer Dauerrumpeln habe ich Mitleid mit dem Auto und dem Handy, halte an und beschließe, direkt von dort loszugehen, ohne Track und ohne Markierungen.

Die Tour wird nicht lang, aber einsam, schön und teilweise praktisch weglos; die Pfade sind an einigen Stellen so wenig begangen, dass sie nicht erkennbar sind, und ohne Wandernavigation wäre ich hier wohl nicht unterwegs gewesen.

Kurz vor dem Abbiegen von einem breiteren Weg auf einen kleinen Pfad höre ich einen Specht klopfen, irgendwo über mir in der Krone einer großen Buche. Ich lege das Ohr an den Baumstamm und bin überrascht, wie deutlich das Hämmern über und durch das Holz transportiert wird, auch wenn es sich um einen Stamm von sicher einem Meter Durchmesser handelt. Dann befinde ich mich tatsächlich in einem Wald, der in sehr großem Umkreis fast ausschließlich aus Buchen besteht – und fühle mich so fast mehr im Weltnaturerbe als im Kerngebiet des Nationalparkgebiets selbst. Diese Ecke empfinde ich deswegen als mindestens genauso sehenswert – zumal man sie wahrscheinlich viel mehr für sich hat als auf den breiten, ausgebauten Wegen beim Kerngebiet. Und plötzlich – bezeichnenderweise nicht weit vom Hirschberg – sehe ich 3 Damhirsche, die ich noch nie in freier Wildbahn beobachten konnte. Ich bleibe sofort stehen und rühre mich absolut nicht (leider habe ich natürlich auch keine Kamera schussbereit in der Hand). Sie sind etwa 50-70 m von mir weg und flüchten nicht panisch, sondern entfernen sich ohne Stress einfach schräg weg aus meiner Richtung. Zu schade, dass ich sie nicht noch einmal sehe.

Etwas später treibt es mich auf einen der Hügel hinauf, ebenfalls weglos; ich will sehen, ob es von dort etwas mehr Fern-, vielleicht sogar  eine Panoramasicht gibt. Es geht relativ steil, aber nur kurz hinauf – die Hügelchen sind hier alle überschaubar, und dieser hier – der Warsberg – ist mit 143 m vergleichsweise „hoch“. Kurz vor der flachen Hügelkuppe ist eine sandige Fläche, etwa 20 X 20 m mit vielen Spuren. Der Boden ist allerdings zu locker, um sie genauer zu erkennen. Überhaupt sehe ich auch auf den anderen Wegen dieser Tour oft Spuren, und manchmal sind sie eindeutig, wie die Wühlspuren von Wildschweinen. Oben um die teilweise grasige Hügelkuppe stehen nur vereinzelt Bäume im Kreis. Ein magischer Ort mit besonderem Charme, selbst jetzt im herbstlichen grauen Nachmittagslicht (und übrigens ganz ohne Fernsicht). Ich mache eine Pause und lasse dies auf mich wirken, bis mir zu kalt wird (bei 6-7 C° dauert es nicht sehr lange). Hier hätte ich nun doch ohne Weiteres etwas Wasser auf dem Gaskocher heiß machen können – aber heute habe ich auf die rund 500 Gramm Gewicht verzichtet und das Set bewusst nicht eingepackt.

Wieder unten im „Tal“ verliert sich die dünne Wegspur und so muss ich eben möglichst genau die Richtung halten. Die Bäume stehen weit auseinander, und es gibt kein Unterholz, also ist dies kein Problem, ich muss nur oft genug auf den Wandernavi sehen. Wie am Vortag dauert dies nicht lange, und bald gibt es wieder einen gut erkennbaren Weg. Es ist faszinierend, wie schnell man ihn aus den Augen verlieren kann, wenn man nur einige Meter entfernt ist oder eine schmale Wegeinmündung nicht erkennt, wenn man sie nicht im richtigen Winkel sieht. Dann geht es auf zum Teil sandigen, zum Teil grasigen Wegen weiter, fast ausschließlich immer noch durch Buchenwald, bis ich wieder mein Auto erreiche. Diese Tour könnte man fast beliebig verlängern, und ich möchte dieses Eckchen im Gedächtnis behalten, um es vielleicht irgendwann – in einer anderen Jahreszeit? – noch einmal länger zu erkunden. Dies ist mit nur etwa 7 km kein normaler Wandertag, es ist mehr ein Umherstreifen im Wald mit offenen Augen und Ohren, entspannend und ein kleines bisschen abenteuerlich zugleich und ich bin froh, den Tag mal etwas anders genutzt zu haben.

Ich fahre zurück nach Feldberg und schaue mich zu Fuß noch etwas in meinem Urlaubsort um, bevor ich die graue Kälte verlasse und wieder zurück in’s warme, gemütliche Hotel fahre.

Mittwoch, 14.10.2015 muss ich mich schon wieder von meinem Kurztrip verabschieden. Aber bevor ich mich wirklich auf den Heimweg mache, will ich noch eine kleine Runde durch den Wald gehen. Wieder starte ich vom Südende von Carpin aus, wie am Montag. Das Wetter ist noch etwas grauer, und früher am Morgen war es auch nasser. Der Sprühregen hat aber erst einmal aufgehört, nur der Wald tropft noch, und es herrscht enorme Luftfeuchtigkeit. Vielleicht sind solche recht miesen Bedingungen sogar besser, damit es mir leichter fällt, mich von meinem Ausflug loszureißen. Die Stunde im herbstlichen Nationalparkwald ist jedenfalls schön und sehr ruhig.

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Pausenplätzchen unter noch grünem Baldachin

Mir ist bisher noch nie so recht aufgefallen, wie gern ich speziell im Wald bin, sonst habe ich auch die Abwechslung mit Wiesen, Heideflächen, Fernsichten, hübschen Örtchen etc. sehr zu schätzen gewusst. Vielleicht kann man am Wald noch eher als an anderen Landschaftsformen erkenne, was für ein komplexes, fragiles System die Natur ist, das sich ständig auf natürliche Weise ändert (Jahreszeiten, Wachsen, Altern, Sterben) und sich insgesamt wie ein einziges Lebewesen verhält – wenn man es lässt. Dann geben Schönheit, Vielfältigkeit und Beständigkeit dieses Lebewesens Halt und bremsen auf  bezaubernde Weise ab, was die „normale“ Lebensweise sonst zu sehr beschleunigt. Aber dies ist schon lange bekannt.

„Es ist zu wenig, wenn die Lehre von den Wechselwirkungen in der Natur für uns damit abgetan ist, dass wir in der Landschaft an einzelnen Orten wieder den Urzustand herstellen. Wir müssen uns mehr und mehr die Wechselbeziehung des Menschen zu seiner Umwelt bewusst machen.“

Hans Eisenmann (Bayerischer Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten, in dessen Amtszeit die Eröffnung des Nationalparks Bayerischer Wald fiel; *1923, † 1987)

„Glaube mir, denn ich habe es erfahren, du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.“

Bernhard von Clairvaux (mittelalterlicher Mönch,* um 1090,  † 1153)