Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Auf dem Lykischen Weg 2016, Teil II

Wieder im Hotel in Kalkan, genieße ich erneut ein feines Abendessen und eine ruhige Nacht; allerdings werde ich mittendrin von einem Geräusch wach, das ich nicht sofort zuordnen kann, aber nach einem Blick auf die Terrasse ist alles klar: Nun regnet es doch. Ich sammle schnell die gewaschenen und draußen zum Trocknen aufgehängten Sachen ein und hoffe, dass der Regen rechtzeitig aufhört, denn am nächsten Tag habe ich die erste Zeltnacht vor mir. Ich könnte mich demnach nicht so einfach aufwärmen – und keine warme Dusche nutzen – , auch sonst bliebe alles feucht-kühl, und das Kochen mit dem Holzvergaser wäre schwierig mit feuchtem Holz. Was soll’s, es ist nicht zu ändern, und ich schlafe erst einmal weiter.

Am Morgen (26.04.16) ist es grau, aber immerhin im Moment trocken, und ich mache mich auf den Weg zum Otogar in Kalkan. Der Bus fährt pünktlich und bringt mich über Demre und Finike in ca. 2 1/2 Stunden  nach Kumluca; zwischendurch regnet es wieder, und die Prognose ist unsicher. Wenn alle Stricke reißen, würde ich mir in Karaöz oder Mavıkent ein Hotelzimmer suchen müssen. In Kumluca an der Busstation suche ich eine Einkaufsmöglichkeit für Gemüse oder Obst, allerdings gibt es hier nur Süßigkeiten und Getränke, evtl. etwas Brot. Also gehe ich zum einzigen wartenden Taxi, lasse mich nach Karaöz fahren und freue mich, dass es inzwischen trocken bleibt und offenbar keine neuen dunklen Wolken im Anmarsch sind.

2016-04-26 15.04.07

Bucht von Karaöz beim Start

In dem kleinen Laden in Karaöz kaufe ich etwas ein, Schokolade, 2 Riesentomaten, mir bis dahin unbekannte, aber leckere Früchte (inzwischen weiß ich, dass es die Früchte der japanischen Wollmisspel sind; die Bäume gedeihen in dem Klima sehr gut und tragen reichlich) und mache mich auf den bekannten, nur etwa 3,5 km weiten Weg durch den Pinienwald  bis zur Bucht von Melanippe.

Dort angekommen, suche ich mir ein etwas abgelegenes Plätzchen und baue – wegen des felsdurchsetzten Untergrunds unter Schwierigkeiten – das Zelt auf. Leider nicht mit dem Blick auf das Meer, denn in diese Richtung passte nur das schmalere Fußende des Zelts (alles hin- und herprobiert; ich hätte sonst einen noch entfernteren Platz suchen müssen, der auch noch eben sein muss). Es gibt einige weitere Camper und Angler, es ist aber nicht voll, und schön ruhig. Melanippe ist wie weitere Picknickplätze hier in der Gegend mit Wasserleitungen versorgt worden, und man kann sich und seine Sachen in den ebenfalls recht neu angelegten Becken („2012“ steht darauf) waschen.

Es gibt sogar ein „Klo“ und daneben eine Kabine, die wohl zum Umziehen gedacht ist, davor im Freien direkt am Wegrand  2 Wasserschläuche, die an einem Pfosten angebracht sind und als kalte Dusche dienen. Dieses Luxusbadezimmer will ich auch nutzen, da ich aber im Freien nicht gut nackt duschen kann, muss ich den Bikini dafür anziehen, und außerdem darauf achten, dass ich mit den nassen Füßen nicht den Dreck vom Weg auf Schuhe und Strümpfe übertrage. So umständlich und langwierig alles ist, hinterher fühle ich mich doch gut.

Das Luxusbad am Weg

Das Luxusbad am Weg

Dann kommt die Holzsammelaktion und das Kochen – es gibt Tüten-Gemüsenudelsuppe -, während es schon dämmert. Das Wetter hat sich beruhigt, es bleibt trocken, und die Temperaturen sind angenehm.

Abendstimmung in der Korsan köyü

Abendstimmung in der Korsan köyü / Melanippe

Als es dunkel ist, sitze ich noch eine Weile draußen und lese etwas auf dem smartphone (das ich als ebook nutze), dann lege ich mich früh hin. Es wird eine ruhige, schöne und sternenklare Nacht, in der ich bestens in meinem Draußen-Bett schlafe.

Am nächsten Morgen (27.04.16) stehe ich für meine Verhältnisse sehr früh um 06:40 auf; die Dämmerung ist gerade vorbei. Ich mache mich auf den Weg zum Wasserholen und sehe weitere türkische junge Wanderer, die noch gestern Abend angekommen sein müssen und jetzt schon Frühstück bereiten. Auch junge Frauen sind dabei. Ich freue mich, dass die Türken das Wandern und Trekken als Hobby entdeckt haben, auch wenn es wohl noch nicht sehr viele sind. Sie haben ein wunderbares Land, in dem man zu Fuß viel erleben kann.

Ich mache meinen Topf sauber, fülle ihn mit Wasser und kehre zum Zelt zurück. Es dauert eine ganze Weile, bis ich die aufgehängten Sachen, das Zelt mit seiner Unterlage und die Isomatte verstaut habe. Dann kommt das Frühstück: Es gibt Früchte, Schokolade und, sehr wichtig: vor allem frisch gekochten Kaffee (ich habe extra Kaffee und Kaffeeweißer mitgenommen). Die Tomate ist über Nacht angefressen worden (Vögel, wahrscheinlich), und ich lasse sie liegen.

Das Frühstück ist wie ersehnt ganz unvergleichlich. Ich sehe auf die morgendliche Bucht, nun bei gutem Wetter, Kaffeebecher in der Hand und bin ganz im Hier und Jetzt.

Dann reiße ich mich los, gehe zum Zähneputzen und Abwaschen; letzeres dauert wegen der rußverschmierten Sachen immer einige Zeit. Bis ich endgültig alles sauber und trocken eingepackt und den Wasservorrat aufgestockt habe, ist es 10:15. Das ist mit 3,5 Stunden seit dem Aufstehen eindeutig zu lang – auch ohne Trödeln -, und daran muss ich arbeiten.

Übrigens kann man am Rand der Bucht, noch etwas im Wald, auch Getränke kaufen, etwas essen und sogar so etwas wie ein fahrbares Holzhäuschen zum Übernachten mieten. Zu anderer Zeit, nicht morgens nach dem Start, wäre das eine gute Option.

Einkehrmöglichkeit am Rand der Bucht

Einkehrmöglichkeit am Rand der Bucht

Zunächst ist der Weg einfach und verläuft auf einer praktisch ebenen Forstpiste, dann bringt der links abzweigende Pfad zum Leuchtturm die ersten ordentlichen Höhenmeter. Am Leuchtturm bin ich nach etwa 1 1/2 Stunden wie geplant und mache eine kurze Pause zum Trinken. Das Wasser von Melanippe schmeckt scheußlich nach Chlor, auch der Wasserfilter kann das nicht entfernen. Dann geht es weiter, mit einer langen Steigung. An mir ziehen 2 Paare mit halbwüchsiger Tochter locker vorbei; allerdings sind sie bestimmt 15-20 Jahre jünger und haben nur winzige Tagesrucksäcke, vermutlich nur mit etwas Wasser und Sonnencreme darin. Oben geht es auf holprigem Weg eine Weile auf derselben Höhe weiter, bis der Weg steil und rutschig abwärts führt. Ich fange schon mal an, zu rechnen: Es ist bereits abzusehen, dass es mit dem Tageslicht knapp werden wird. Noch bin ich unschlüssig, ab ich auf der riesigen Wiese der ehemaligen Kamelfarm zelten oder weiter bis zu einem zivilisierten Hotel in Adrasan gehen will. Es geht erst einmal wieder steil hinauf, immerhin dann auch eine kürzere Strecke eben durch Wiesen und Wald.

Für ein Bild musste trotzdem Zeit sein

Für ein Bild musste trotzdem Zeit sein

Später geht es wieder abwärts, und ich verliere kurzzeitig zwischen den zahlreichen umgestürzten Bäumen den Weg und fluche. Entsetzt sehe ich bei einem Blick auf den Wandernavi, wo ich erst bin – ich hatte gedacht, schon viel weiter zu sein. Es ist plötzlich nur noch anstrengend, und der Spaß ist ziemlich abhanden gekommen. Ich weiß, dass ich hier im Wald nur im Notfall übernachten könnte – es gibt nur wenige ebene Flächen, und mein Wasservorrat beschränkt sich auf knapp 2 Liter.

So ein Weg ist nicht gerade einfach

So ein Weg ist nicht gerade einfach

Also gehe ich weiter und komme dabei allmählich immer dichter an meine persönlichen Leistungsgrenzen. Ich verfluche jeden Höhenmeter, eine längere Steigung würde mich langsam an den Rand zum Schreien bringen. Eigentlich kann ich nicht mehr. Das Licht ist längst eindeutig spätnachmittäglich. Endlich – jetzt erst! – kommt die angekündigte Schotterhalde, und es ist Konzentration gefragt. Ich reiße mich zusammen, und es geht. Dann wieder weitere Höhenmeter, es fühlt sich an wie im Traum, in dem man einfach nicht vorwärts kommt, so sehr man sich auch anstrengt. Weitere 2 kleinere Schotterhalden folgen, und endlich, endlich der letzte Sattel. Nun wird es nur noch bergab gehen, immerhin. Ich beruhige mich wieder etwas, während sich der Weg zieht und zieht. Vorher taten die Rückseiten der Oberschenkel weh, nun beim Bergabgehen sind es die Waden und die Obrschenkelvorderseiten. Dann wird der Weg besser und etwas flacher, und ich begegne einem Paar ohne Wanderausrüstung, das mir entgegen kommt. Ich frage mich kurz, wo die beiden noch hinwollen – aber eigentlich ist es mir auch egal. Es ist nun etwa 18:15  Uhr, und ich weiß, dass ich es nicht nur bis zur Wiese der Kamelfarm, sondern bis in den Ort schaffen kann.

2016-04-27 18.39.22

Halleluja – die Bucht von Adrasan ist in Sicht

20 Minuten später bin ich unten und laufe erst einmal zu dem Becken mit dem munter hinein plätschernden Wasser, das wohl direkt aus einer Quelle stammt. Ich sehe niemanden, der hier zeltet und beschließe, hier auch nicht allein zu campen. Das Wasser ist köstlich, ich trinke, wasche Gesicht und Hände sowie die glitschigen Griffe der Stöcke. Weiter geht’s. Am Ende der Wiese treffe ich dann doch auf einen jungen Mann aus Offenbach, der gerade sein Lager aufgebaut hat und nun Wasser und Holz holen möchte; auch er hat einen – allerdings selbst gebauten – Holzvergaser. Sein Lager ist kein Zelt, sondern eine Hängematte mit Tarp, für mich zunächst ungewöhnlich. Es hat aber im Vergleich zum Zelten durchaus viele Vorteile – nur muss man sicher sein, auch Bäume oder andere Möglichkeiten zum Aufhängen vorzufinden; hier gibt es allerdings sowohl für ein Zelt als auch für die Hängematte ideale Voraussetzungen. Wie ich inzwischen als ebenfalls angefixte Hängemattenbenutzerin weiß (später dazu mehr), werden auch Hängematten angeboten, die man notfalls einfach wie ein Biwaksack auf dem Boden nutzen kann.

Ich könnte hier also doch gut campen und wäre nicht ganz allein – aber so schön es hier ist, es wird bereits dunkel, und bis ich alles aufgebaut hätte, wäre es längst zappenduster und damit nicht mehr ideal zum Kochen. Auch muss ich ehrlich einräumen, dass mir einfach die Energie und Lust dafür fehlen. Ich bedaure es sehr, gehe aber doch weiter, und schlage um 19:10 endlich verdreckt im Hotel auf, bekomme ein Zimmer, eine Dusche und ein leckeres Abendessen, das ich geradezu herunter schlinge. Ich falle früh in’s Bett und schlafe wie ein Stein. Der Tag mit der wunderschönen, aber für mich zu langen und anstrengenden Strecke war eine bittere Lektion über meine Leistungsgrenzen.

Der Ruhetag am 28.04.16 ist dann auch einfach erforderlich, ich nutze ihn zum Waschen aller Klamotten und auch zum Schmieden von Plan B – ganz wie im letzten Jahr.

2016-04-28 20.06.37

Kurz hingezaubertes Gratis-Dessert nach dem Abendessen – einfach so

Der Solowanderer in Gelemiş  sagte, dass der kleine Fluss bei Çıralı kaum Wasser führe – also ganz anders als letztes Jahr. Dies wäre also kein Hinderungsgrund, den Plan B vom letzten Jahr doch noch einmal zu versuchen. Aber eigentlich wollte ich ja aufgeteilt auf 2 Tage von Adrasan aus über den Musadağı nach Çıralı. Nach den Erfahrungen vom Vortag entscheide ich mich dann doch dafür, direkt nach Çıralı mit dem Taxi  zu fahren und von dort aus an demselben Tag und am Folgetag jeweils eine Tagestour zu unternehmen.

Also nehme ich mir am 29.04.16 in Çıralı im bezaubernden Hotel Arcadia einen Bungalow – mit kleiner Holzterrasse (darauf ein Schaukelstuhl) und einer Hängematte unter einem Orangenbaum.

Es hat in etwa denselben Charme wie das Doğa Hotel vor 2 Jahren, das aber wie letztes Jahr  mit den offenbar anderen Besitzern und den Warnschildern vor gefährlichen Hunden nicht mehr in Betracht kommt.

Nach einem kurzen Snack – wirklich leckerer Salat, den ich mit dem empfohlenen Granatapfelsirup als Dressing anreichere – breche ich auf, um mir nun beim 3. Mal in Çıralı endlich die Flammenfelder der Chimaira anzusehen. Es ist etwa so, wie ich es mir vorgestellt hatte: ein weitläufiges Felsplateau, mit diversen Öffnungen, aus denen mindestens seit der Antike Gase austreten, die permanent brennen. Die Flammen sind teilweise sehr klein, die größeren schätze ich auf 30-40cm.

Hier oben ist nicht allzu viel los, und ich genieße eine Weile dieses Naturphänomen, bevor ich mich wieder auf den Weg in den Ort mache. Dort treffe ich noch einmal den jungen Mann aus Offenbach, und wir unterhalten uns noch eine kurze Weile. Auch er hatte schon ein ungutes Erlebnis mit Hunden, und zwar an dem Tag, als wir uns kurz vor Adrasan getroffen hatten. Er hatte zwischen den zahlreichen Gewächshäusern bei Mavıkent übernachtet, und wurde dann von den Haus- und Hofhunden vertrieben (also muss er dem Tag 25 km oder mehr gegangen sein; uff …). Er berichtet, dass er noch einige Etappen auf dem lykischen Weg wandern will, um dann weiter in den Iran zu reisen. Wenn das kein Abenteurer ist! Ich wünsche ihm alles Gute, und wir sehen uns nicht wieder.

Das Abendessen im Hotel ist ganz vorzüglich; die Inhaberin ist gebürtige Türkin, ihr Mann Österreicher, und zusammen haben sie etliche Jahre in seiner Heimat gelebt. Sie spricht also sehr gut Deutsch, was die Dinge sehr vereinfacht. Sibel ist eine hervorragende Köchin, und ich genieße ihre „Arbeitsergebnisse“ sehr. Ich sitze dabei im Garten, 20 m weiter fängt der Strand an, und dahinter rauscht leise das Meer. Es ist fast kitschig. Auch hier schlafe ich in meinem Bungalow bestens, und am nächsten Morgen (30.04.2016) buche ich gleich noch eine weitere Nacht. Aber erst einmal widme ich mich dem Frühstück – und was für einem:

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Das ist einfach konkurrenzlos

Später komme ich mit Sibels Mann in’s Gespräch, der hier in der Gegend den Wandertourismus voran bringt und mit weiteren engagierten Kollegen die Gegend genauer kartographiert und einige Wanderwege markiert hat. Ich kaufe eine sehr gute Karte und mache mich bald – herrlich unbeschwert mit nur wenig Tagesgepäck – auf den Weg, weiter die Küste entlang Richtung Maden-Beach. Es ist die letzte Wanderung, und ich genieße sie, auch die Tatsache, dass mir weder die Zeit auf den Fersen ist, noch, dass ich ein bestimmtes Ziel erreichen muss. Es ist ok, wenn am nächsten Tag der 2., bewegungsarme Teil des Urlaubs mit Verwöhnung  anfangen kann, ganz ohne Anstrengung und Verantwortung.