Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Im Spessart 2020 (Teil 2)

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Am nächsten Tag sieht das Wetter wesentlich besser aus und ich verlasse den Ort durch den hübschen Jossgrund, ein flaches, längliches Tal mit dem kleinen Bächlein Jossa.

Danach geht es einen langen uninteressanten Hatsch etwa 2km hoch auf einer breiten Forstpiste  die teilweise schnurgerade verläuft und mit dem ungeliebten feinen Schotter bedeckt ist. Oben auf dem Hügel angekommen mache ich ein längliches Päuschen, es ist mild, die Aussicht nett, und mein Weg heute nicht sehr lang. Hier oben verläuft auch der Eselsweg, der offenbar eine lange Geschichte als alter Handelsweg hat.

Ich komme in’s Gespräch mit einem anderen Fernwanderer, der ebenfalls allein unterwegs ist, aber anders als ich, keinem bestimmten Weg folgt, sondern die Zielorte mit unterschiedlichen Wegen verbindet, Er hat die klassische Papierkarte dabei – für die Übersicht und großräumigere Orientierung immer noch auch aus meiner Sicht dem Wandernavi überlegen – und nutzt lediglich in den Orten google maps. Die Lotsenfunktion von Routen und Tracks hat er noch nicht probiert, hört sich aber meine guten Erfahrungen damit sehr interessiert an. Ich finde solche Austausche immer wieder schön, und anregend.

Bald danach starte ich auch wieder, und jetzt bleibt der Weg bis zu meinem Ziel im Dorf Wiesen  wirklich schön.

Erst geht es leicht bergab, bis zur Überquerung der B276, den Ort Flörsbachtal lässt der Spessartweg 3 buchstäblich dabei links liegen. Dann geht es wieder in schönen Mischwald leicht bergauf, dann hinab zu einer Landstraße, die bei dem – leider geschlossenen – Campingplatz und dem dazu gehörenden Gasthaus überquert werden soll. Direkt davor ist ein kleiner Parkplatz mit Tischen und Bänken zum Rasten, und ich mache erneut eine Pause zum Trinken. Kaum sitze ich, höre ich trotz der nahen Landstraße ein Tier zirpen oder trillern. Erst kann ich es nicht zuordnen, aber dann doch: Es ist kein Vogel, wie ich zuerst dachte, sondern diese beiden Waschbärkinder, die schüchtern hinter einem Baumstamm hervorgucken:

Ich nehme an, sie leben vom Betteln bei den Menschen, die auf diesen Waldparkplatz kommen. Die Mutter der Beiden kann ich nicht entdecken, und leider sehe ich auch keine Möglichkeit, die beiden Tierkinder von ihrem sehr gefährlichen Leben in unmittelbarer Nähe der Landstraße weg zu bringen oder weg zu locken. Ich weiß, Waschbären sind eine invasive Art, gerade in Hessen, in dessen äußerster Ecke ich gerade bin. Sie werden zu Tausenden – rund 30.000 allein Hessen in einem Jahr – geschossen. Diese Beiden hier wissen jedenfalls nicht, dass sie als schädliche Art betrachtet werden, sie versuchen nur wie jedes Tier, zu überleben.  Ich meine, es müsste eine andere weniger grausame Möglichkeit geben, einheimische Arten zu schützen. Der Nabu schreibt dazu: „..Gleichwohl gibt es Belege über lokal negative Auswirkungen des Waschbären auf die heimische Tierwelt. So kann der Waschbär beispielsweise örtlich ein Problem für den bodenbrütenden Kiebitz, Amphibien oder auch den Rotmilan darstellen. Aber wie so oft gilt auch hier: Je vielseitiger und strukturierter die Natur, umso geringere Auswirkungen hat die Prädation durch den Waschbären. So sollte vielmehr der Schutz der Lebensräume im Vordergrund stehen und nicht eine Bejagung des Waschbären die Konsequenz sein. Insbesondere für kleinere Säugetiere, Amphibien und Vögel sollten geeignete Lebensräume zur Verfügung gestellt werden und durch Hecken oder alte Baumbestände Verstecke sowie ein größeres Nahrungsangebot geschaffen werden. bodenbrütenden Kiebitz, Amphibien oder auch den Rotmilan darstellen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Diese beiden Tierkinder haben ein höchst unsicheres Schicksal; sie könnten verhungern, wenn ihre Mutter ihnen nicht zeigen konnte, wie sie sich selbst versorgen müssen und im Winterhalbjahr auch nur noch wenige Menschen zum Anbetteln vorbeikommen. Oder, auch nicht gerade unwahrscheinlich, sie könnten auf der Straße getötet oder verletzt werden. Von mir bekommen sie jedenfalls Studentenfutter, und von anderen Besuchern, die gerade zu ihrem Auto gehen wollen, ein paar Apfelstücke. Nicht die schlechteste Nahrung, glaube ich.

Die Gedanken an die Beiden begleiten mich noch eine ganze Weile. Der Weg führt nun parallel zum Wieshüttmoor, einem Naturschutzgebiet mit seltenen Pflanzen, in dem sich auch Kreuzottern wohlfühlen.

Dann biegt der Weg am Ende des Moors nach rechts ab in den Laubwald.  Etwa 2km vor dem Dorf finde ich auch eine hübsche Stelle genügend abseits des Wegs für eine kleine Siesta in der 90°-Hängematte, die ich in wunderbarer Ruhe genießen kann. Inzwischen habe ich wohl auch gerade die Grenze nach Bayern überquert. Dann verlasse ich den Spessartweg 3 und biege zum Ort Wiesen ab, den ich nördlich durchquere. Es ist ein sehr hübsches Dorf, das mir auf Anhieb gefällt. Wiesen  versucht – offenbar recht erfolgreich – auf sehr lokaler Ebene den großen Supermärkten in den größeren Orten in einiger Entfernung zu trotzen, und betreibt den „Dorfladen“. Solch eine Einkaufsmöglichkeit ist für die Verpflegung tagsüber wichtig, wenn man nicht sämtlichen Proviant über etliche Tage tragen möchte.  Die Pension, in der ich ein Zimmer gebucht habe, ist sehr gepflegt und auf eine besonders nette Weise herrlich leicht altmodisch, ich fühle mich sofort wohl und richtig aufgehoben. Mein Zimmer hat einen Balkon, von dem aus ich in den schönen Garten und etwas über den Ort sehen kann.

Die Besitzerin berichtet später, dass es in früheren Jahren noch weitere Pensionen und Gasthöfe mit Übernachtungsangebot gab, aber mittlerweile ist sie die Einzige. Der Gasthof des Dorfs „Kreuzwirt“  hat sicher nicht mehr seinen ursprünglichen Besitzer, heißt nun „Bali’s Kreuzwirt“  und bietet deutsch-indische Köstlichkeiten, Ich kehre am Abend zum Essen dort ein, und bin froh, dass es überhaupt eine Möglichkeit dazu gibt. Das Essen selbst ist sehr lecker.

Nach einer ruhigen Nacht und einem schönen Frühstück beschließe ich, einen weiteren Tag in diesem freundlichen Ort anzuhängen, und eine Rundwanderung um das Dorf zu unternehmen. Das Wetter hat leider etwas nachgelassen, es ist grau, und gegen Mittag fängt es an zu regnen. Auf freiem Feld bin ich ganz dankbar für die Kreuzkapelle etwas westlich vom Ort, auf deren Vorplatz in den Mauersteinen heute noch Spuren der Gefechte zu sehen sind, die hier während des 2. Weltkriegs stattgefunden haben. Jetzt ist es still, feucht und friedlich hier, und Ich bin froh, dass ich nur eine kurze Strecke gehen will. Später im Wald fängt es wieder an zu regnen, und ich mache Pause in einer neuen Schutzhütte (mit verglasten Fenstern!) direkt bei einem Ehrenmal für einen der Gründerväter des Spessartbundes. Insgesamt ein unanstrengender, unspektakulärer Tag, den ich nochmals bei „Bali’s Kreuzwirt“ ausklingen lasse.

Am nächsten Tag, nun mittlerweile Samstag, 29.08.20, gehe ich weiter auf dem Spessartweg 3 bis Habichsthal. Das Wetter ist ausgesprochen schön,

ebenso der Weg hoch bis zum Spessartweg3,

dem ich dann in Richtung Mosborn folge, einem winzigen Dörfchen. Vorher komme ich an diesen verspielten, neugierigen Kälbern vorbei – immerhin sehen sie im Gegensatz zu anderen armen Tieren wenigstens die Sonne.

Wieder ist die Strecke sehr hübsch, und hat beim „Pavillon Waidmannsruh“ auch noch die Besonderheit zu bieten, dass dort der Sage nach der Jäger aus dem Märchen Schneewitttchen in den wilden Wald flüchten ließ, statt sie zu töten, wie von der bösen Königin befohlen. Heute steht dort ein grüner, mit einer Plane abgedeckter kleiner Holzturm – leider geschlossen. Schon bald danach komme ich an den Aubach, der hier in einem schmalen, sehr hübschen langgestreckten Tal fließt. Ich breite im Gras direkt am Ufer meine Alumatte aus, höre dem Gluckern des Bächleins zu und genieße einige perfekte Momente der Ruhe und Entspannung, bevor ich auf einer breiten Forstpiste in den Ort komme, wo direkt am Weg mein Hotel liegt.

Am Sonntag, 30.08.20 folgt die letzte Etappe des Spessartwegs 3 bis Heigenbrücken. Das Wetter hat sich eingetrübt, und so starte ich bei bedecktem Himmel aus dem Ort heraus, mache an einer Bank mit Blick auf eine kleine restaurierte Wassermühle Halt, um zu telefonieren.

Auf dem Weg hinter mir kommt ein Reiter auf einem Pferd vorbei, das genau so aussieht wie Pippi Langstrumpfs Pferd: weiß/hellgrau mit vielen schwarzen Tupfen.  Es muss einfach „Kleiner Onkel“ heißen, rufe ich dem Reiter zu, und der Reiter antwortet, dass seine Tochter das auch findet. Dann wandere ich bald an den Aubachseen vorbei, wo es recht gut besucht ist. Götz von Berlichingen soll hier auf Raubzug gewesen sein und Kaufleute überfallen haben. Die historische Gestalt war offenbar ein verarmter Raubritter, der trotz seines gefahrvollen, abenteuerlichen Lebens 82 Jahre alt wurde und seine Erinnerungen aufschreiben ließ.

Frühe Herbstzeitlose

Schon rund 200m nach den Seen bin ich wieder allein, und es geht weiter durch den schönen Mischwald, bis ich an den Rand von Heigenbrücken komme, wo es einen Kletterpark, eine Seilrutsche, eine Einkehrmöglichkeit und sehr, sehr viele Menschen gibt. Auch einige Tiere – Damwild, Rotwild, Ziegen, Wildschweine – gibt es in weitläufigen Freigehegen.

Langes Gesicht…

An einem Sonntag ist natürlich damit zu rechnen, dass es hier voller Familienausflügler ist. Ich gebe Gas, um dem Gewühl und Lärm zu entkommen, und habe noch eine recht nette Strecke durch den Park vor mir – dann geht es im Regen noch gefühlt endlos durch den Ort, bis ich endlich in meinem Hotel ankomme, das aber zum Ausgleich sehr nett ist. Ich beschließe, am Dienstag, 01.09.20 wieder nachhause zu fahren, denn ab Donnerstag muss ich wieder arbeiten, und brauche noch einen Tag Abstand dazu, auch um auszupacken und wieder anzukommen. So bleibe ich noch am Montag in Heigenbrücken, und unternehme die 3. unspektakuläre Rundwanderung in diesem Urlaub.

Dieser Wanderurlaub war etwas überschattet davon, dass ich mit den Gedanken oft zuhause bei einem unserer Hasen war. Das arme Tier litt -und leidet auch jetzt noch, während ich dies über die Weihnachtsfeiertage schreibe – an Krampfanfällen, die wohl sehr schmerzhaft sind und das alte Hasenmädchen bis zum Schreien in Todesangst bringen.

Das und das öfter nicht gerade optimale Wetter mögen dazu geführt haben, dass mich der Spessart nicht nicht so für sich eingenommen hat, wie es das Taubertal konnte, vom Bayerischen Wald ganz zu schweigen.

Aber dennoch ist es eine wunderbare Ecke zum Wandern und hat mit seinen hübschen Tälern und Orten und einem schönen Misch- oder Laubwaldbestand eine Menge zu bieten.

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