Ich reis(s)e aus

…und bin draußen

Bayerischer Wald 2018 – Teil 1

Hinterlasse einen Kommentar

Im Oktober 2018 starten Kai und ich erneut in den Bayerischen Wald, rund einen Monat später, als wir eigentlich vorhatten, aber aus beruflichen Gründen nicht realisieren konnten. Im Nachhinein war das aber richtig gut, denn die Bedingungen waren ganz überwiegend einfach super – im Gegensatz zum September.

Ich hatte Treegirl angekündigt, dass Kai und ich wieder im Bayerischen Wald sind, und vorgeschlagen, dass wir innerhalb der 3 Wochen Urlaub  auch eine Hängemattentour mit Übernachtung versuchen könnten. Die Tour im Sommer hatte uns so viel Spaß gemacht, dass sie unbedingt in ähnlicher Art wiederholt werden musste. So treffen Treegirl und ich uns rund 2 1/2 Monate später wieder im Bayerischen Wald, um 3 Tage und 2 Nächte zusammen draußen unterwegs zu sein. Es soll eine Mischung aus viel Entspannung, etwas Anstrengung und kleinem Abenteuer werden – und genau das ist uns auch gelungen.

Wir wollen über die spektakuläre Landschaft der Schachten wandern, um am 3. Tag das westliche Ende der Trinkwassertalsperre Frauenau anzusteuern. Die Etappen sind nichts für Kilometerfresser, sondern für viel Genuss und wenig Eile gedacht. Und die Bedingungen könnten nicht besser sein: Tagsüber bis zu 25°C (Mitte Oktober!) bei blauem Himmel, und nachts kommt eine Abkühlung bis runter auf gemäßigte ca. 8°C.

Treegirl bringt mir netterweise die Blackbird XLC und eine dutchware Chameleon zum Testen mit. Bevor es losgeht , verziehen wir uns zum Testen eine kleine Weile in den Wald, und ich entscheide mich, die XLC für die beiden bevorstehenden Nächte zu probieren. Dann bringt uns Kai zu unserem Startort nach Spiegelhütte, und nach ein paar Beweisfotos geht es los.

Wir haben einige Höhenmeter vor uns, aber Aussichten wie diese

und das phantastische Wetter tun alles, um die Anstrengung unwichtig zu machen. Der hübsche und nicht zu breite Weg führt durch Misch- bzw. Buchenwald stetig aufwärts, bis wir auf eine Kreuzung mit mehreren Wegen – u.a. mit dem Goldsteig, hier auf einer Forstpiste – und einer Schutzhütte stoßen. In der Hütte machen wir Pause; es ist sehr warm, und zum Trinken / Waschen / Kochen werden wir noch etwas mehr Wasser brauchen. Der  Bayerische Wald hat viele Bäche und eigentlich auch nicht zu wenig Regen, so dass die 5 Quellen in der Nähe des angepeilten Schlafplatzes genügend Wasser liefern sollten. Der Weg ist nicht mehr allzu lang, und bald verlassen wir die Forstpiste und gehen hangabwärts auf Schleichpfaden und dann auch ganz weglos bis zum südlichen Ende einer großen Lichtung (laut Karte außerhalb der Naturschutzgebietsgrenze),

wo wir uns gedanklich ein nettes Hängeplätzchen reservieren.

Mittlerweile ist der Nachmittag schon ziemlich fortgeschritten, und es wird Zeit für die Wassersuche. Aber statt idyllisch plätschernder Bäche aus den 5 Quellen sind nur ausgetrocknete Rinnen und eine matschige Stelle im Wald zu sehen. Diese Stelle ist keine Pfütze, sondern eine der Quellen, an der viele Tiere Spuren hinterlassen haben. Treegirl gräbt ein Loch, damit sich das sehr dürftige Rinnsal darin etwas sammelt, so dass sie nach einiger Zeit, wenn sich alles gesetzt hat, relativ klares Wasser schöpfen kann. Es funktioniert aber nicht so recht, weil das bisschen Wasser sich nicht sammelt, sondern versickert. Im Matsch ist an einigen Stellen ein winziges Rinnsal, bei dem ich es anders versuche:

ich leite das dünne, tröpfelnde Gerinne über ein Stück gebogene Baumrinde in die Flasche. Besser noch geht es mit einem schier unverzichtbaren Ausrüstungsgegenstand, dem „the big dig“- (Häufchen-)Schäufelchen, das so mal zweckentfremdet genutzt wird.

Mit Geduld, kalten Händen und strapazierten Knien sind die leeren Flaschen so nach einiger Zeit wieder mit – na, sagen wir: mittelklarem – Wasser gefüllt. Egal, wozu habe ich einen Wasserfilter mitgenommen…

Dann kommt die Dämmerung ziemlich schnell, und das Kochen findet dann teilweise im romantischen Stirnlampenlicht statt. Dabei stelle ich fest, dass ich den vorbildlich mit Sauerstoffbleiche gesäuberten und gelagerten Sawyer Mini Filter besser getestet hätte: Das mittelklare Wasser aus dem Rinnsal ist einfach nicht durch den Filter zu drücken, irgendetwas muss ihn verstopfen. Plan B muss nun lauten: Alles abkochen und vorher grob filtern. Um es vorweg zu nehmen: Das Wasser hat keine Probleme verursacht. Nach dem Abendessen wird es recht kühl, und so steuern wir ziemlich schnell die Hängematten an.

Auf ein Lager- oder Hobofeuerchen verzichten wir, dafür hätten wir noch im Hellen Feuerholz organisieren müssen. Sonnenuntergang ist um ca. 18:30h, d.h. die Nacht wird ziemlich lang.

Ich lese noch eine Weile auf dem Smartphone und liege zwar ungewohnt, aber bequem in der xlc, bis ich mir wieder die Ohren zustopfe, damit ich nicht bei jedem Geräusch zusammenzucke und aufwache. Treegirl hört dagegen ein ständiges Kommen und Gehen in unmittelbarer Nähe, denn es sind hier eine Menge Tiere im Dunkeln unterwegs. Außer Wildschweinen auf der Lichtung kommt direkt bei uns wahrscheinlich sogar Rotwild vorbei (das hätte ich gern gesehen!!). Genau an unserem Kochplatz sehen wir später, dass der Hirsch / die Hirschkuh hier schon vorher ein kleines Klo angelegt hatte. Überhaupt Hinterlassenschaften: Ich kann mich an keine Tour erinnern, bei der ich Gelegenheit hatte, so viele unterschiedliche Häufchen direkt auf dem Weg studieren zu können. Treegirl fotografiert sie alle und kann eine interessante Galerie anlegen.

Die Nacht bleibt ansonsten sternenklar, aber sehr dunkel (kein Mond) und still, es gibt überhaupt keine Geräusche der Zivilisation zu hören. Ich schlafe zwar recht gut, wache aber ziemlich oft auf.

Ich hatte nicht mit so milden Temperaturen um diese Jahreszeit gerechnet – noch dazu auf rund 1.100m Höhe -, so dass der aus Hamburg mitgebrachte Schlafsack etwas zu viel ist. Am Morgen nach mehr als 12 Stunden in der Hängematte packen wir alles zusammen und beschließen, nicht hier, sondern später in der warmen Sonne zu frühstücken. Zunächst müssen wir uns den Hang zum eigentlichen Weg wieder hinaufquälen, und dabei macht mir plötzlich der Kreislauf Schwierigkeiten; aber mit einer kleinen Pause und vor allem Treegirls Hilfe (Rucksacktausch und Energiedrops) ist das bald vorbei.

Nach kurzer Zeit stoßen wir auf einen Bach (endlich!), der den Weg mitten in der Sonne kreuzt. Das wird unser Spätstückplatz!

Es ist mittlerweile schon so warm, dass ich sogar hier mitten in der Pampa die von gestern verschwitzten Haare waschen kann, die während des Spätstücks und des sehr wichtigen Kaffeetrinkens trocknen können.

Nach unserer ausführlichen Pause erreichen wir den Lindbergschachten. Schachten waren hochgelegene Weiden, deren Betrieb seit Jahrzehnten eingestellt ist, die aber als Teil des Nationalparks weiter gepflegt werden. Am nördlichen Rand steht eine hübsche Hütte, und hier, wie auch an anderen Schutzhütten, steht ausdrücklich: „Nächtigen verboten“. Wir können nur zu gut verstehen, dass dies für viele Outdoorer sehr attraktiv sein muss. Die Landschaft hier auf etwa 1.150m ist zugleich rau und schön, und auf den freien Flächen stehen uralte Bergahornbäume, denen der jahrhundertelange Kampf um’s Überleben in Hitze, Sturm, meterhohem Schnee, Gewitter und Trockenheit anzusehen ist.

Nach dem Lindbergschachten führt der Weg durch schönen Buchenwald, und auch hier kreuzen wir bald wieder einen Bach, dessen Wasser sogar noch etwas klarer als das des Frühstücksbachs ist, so dass wir alle Flaschen neu betanken. Ein kurzes Stück geht es auf einer Forstpiste weiter, bis wir an der Hirschbachschwelle auf den Weg durch das Hochmoor abbiegen, der über einige Kilometer auf Holzbohlen angelegt ist.

Dann kommt der Kohlschachten in Sicht, den wir überqueren, um schon rund 15 Minuten später den 3. Schachten – den Hochschachten –  zu erreichen. Hier wollen wir abbiegen, und auf der anderen Seite einer Forstpiste außerhalb des Naturschutzgebiets einen Lagerplatz suchen.

Der Waldrand dort sieht mit vielen toten Bäumen vor einer Kahlfläche nicht besonders vielversprechend aus, aber wir haben jetzt am späteren Nachmittag nicht allzu viele Optionen, gehen hinein und sind angenehm über den schönen, lichten und mit Felsen durchsetzten Buchenwald überrascht, der sich dahinter auftut. Hinter einer Hügelkuppe richten wir uns ein.

Heute soll es Spaghetti mit Tomatensoße geben, aber es ist schwierig, die richtige Kochtemperatur mit dem Spirituskocher zu treffen, entweder brennen die Nudeln etwas an, oder sie baden nur im warmen Wasser. Wieder was gelernt: Normale Spaghetti mit ca. 10 Min Kochzeit eignen sich nicht wirklich für die gepflegte Outdoorküche.

Hinterher hat Treegirl einen matschigen Topf, dessen Boden eine sehr feste Verbindung mit dem Angebrannten eingegangen ist. Das lässt sich mit Bordmitteln nicht rückstandsfrei beheben… Während unserer kulinarischen Exzesse hören wir plötzlich stetiges Rascheln im Laub, so als würde ein später Mountainbiker in der Nähe vorbei fahren. Wir sind still, bis sich das Rascheln legt.

Auch heute machen wir kein Feuerchen und gehen praktisch gleich nach dem Sandmännchen in’s Bett. In der Umgebung sind wieder keinerlei Zivilisationsgeräusche zu hören, und auch ansonsten bleibt es sehr still. Dieses Mal nervt auch kein starker Wind. Beide schlafen wir besser, bis wir in der Morgendämmerung von denselben Geräuschen geweckt werden: Eine Rotte Wildschweine ist in Hörweite und kommt näher!

Treegirl kann die Tiere sehen, vor allem die Leitbache mit ihrem langen, grau-weißen Gesicht, die nachdenklich auf uns und die Hängematten unter den Tarps sieht, worauf sie sich wohl keinen Reim machen kann. Ich kann die Tiere im Halbdunkel nicht erkennen, obwohl sie nur rund 20m weg sind. Dann kommen sie noch dichter, und leider werde ich dann doch nervös und rufe ihnen möglichst autoritär zu, dass sie woanders hingehen sollen (oder irgend etwas in der Art). Die ganze Rotte macht auf dem Absatz kehrt und haut sofort ab – schade, hätte ich gewusst, dass sie soviel Angst vor uns haben, wäre ich still geblieben und hätte sie mir auch mehr aus der Nähe ansehen können.

Frühstücksplatz in der Schutzhütte

 

Immer wichtig: der Draußen-Kaffee

Obwohl es erst kurz vor 7 und daher gar nicht meine Aufstehzeit ist, bleiben wir wach, und machen uns wanderfertig. Frühstücken wollen wir wieder nicht hier direkt am Übernachtungsplatz, sondern in der gestern gesehenen Schutzhütte an der Forstpiste.

Und das tun wir auch, und können dabei auch die relative Bequemlichkeit der Hütte wie z.B. die Sitzbänke zum Ausbreiten der Sachen und zum Kochen nutzen.

Nach dem Frühstück geht’s zurück zum Hochschachten, und von dort erst einmal weiter auf dem Goldsteig, bevor wir dann auf den Weg zur Trinkwassertalsperre abbiegen. Wir wandern auch am dritten Tag bei immer noch wunderbarem Wetter – warm, sonnig, windstill – etwa 2 km durch schönen Buchenwald, bevor wir den vorletzten Schachten, die Alm, erreichen:

Nach der Alm ist es nur noch rund 1/2 Kilometer bis zum letzten der Schachten, dem „Verlornen Schachten“, dessen südöstliches Ende unmittelbar an der Grenze zu Tchechien liegt. Ursprünglich wäre dieser Schachten bzw. die dort stehende Hütte, die man mieten kann, für uns auch als Standquartier in Frage gekommen; man kann von dort sehr gut zum Rachel wandern und/oder eine Rundtour über die übrigen Schachten unternehmen. Die Hütte, die 2 Räume mit Sitz- und Schlafplätzen und einen Ofen bietet, war allerdings bis März nicht zu mieten; wer weiß, vielleicht kommen wir später nochmal zum Zuge. Aber so, wie wir die 3 Tage verbracht haben, waren sie praktisch nicht zu verbessern.

Erneut machen wir ausführlich Pause, sind aber hier nicht gerade allein – es ist Freitag, und für viele hat das Wochenende begonnen. Treegirl sieht sich ein bisschen um; die Hütte befindet sich natürlich direkt im Schutzgebiet, aber wenn sie Übernachtungsplätze bietet, eine Feuerstelle draußen benutzt werden darf, und der nächste Waldrand mit geeigneten Hängebäumen auch nur etwa 50m weit ist, hätte ich kaum moralische Bedenken, hier gepflegt und ohne Spuren zu hinterlassen, abzuhängen. Irgendwann reißen wir uns los, und nun geht es praktisch nur noch mehr oder weniger sachte bergab. Als der „Verlorne-Schachten-Bach“ den Weg kreuzt, tanken wir noch einmal auf, und Treegirl schrubbt den verkrustet eingepackten Topf von gestern Abend mit Sand direkt im Wasser – was ziemlich gut funktioniert. Der Bach entspringt nicht weit entfernt in der Nähe des Schachten und hat bis hierher keine landwirtschaftlichen Flächen oder Siedlungen passiert, also trinke ich das Wasser direkt und ohne Filterung oder Abkochen.

Abwasch im Bach

Nachdem wir den Goldsteig verlassen haben, gehen wir auf bequemem, breitem Weg weiter; die Wanderung neigt sich mit den verbleibenden rund 6 km allmählich dem Ende zu; nur bei einer Lichtung mit alten Apfelbäumen halten wir noch einmal an, und ich nasche 1 von den kleinen, etwas sauren, aber sonst guten Äpfeln. Am Nachmittag erreichen wir dann die Trinkwassertalssperre, und an ihrem westlichen Ende rufe ich Kai an, damit er losfahren und uns am Parkplatz zum Abholen treffen kann. Es sind schließlich nur noch etwa 400m bis zum Parkplatz, als ich auf den kleinen Steinchen einer abwärts führenden Treppe ausrutsche und heftig auf dem Hintern lande. Treegirl geht hinter mir, und ist schon darauf eingestellt, dass ich möglicherweise das Steißbein gebrochen haben könnte. Zum Glück ist das nicht passiert, der Riesenrucksack hat das offenbar verhindert. Aber mit meinem rechten Knie bin ich gegen eine der Treppenstufen geknallt, ich stehe langsam auf und stelle fest, dass ich dennoch immerhin damit humpeln kann. Treegirl leiht mir ihre beiden Stöcke – mein einzelner Gandalfstab ist unzureichend – und mit gebremster Stimmung gehen wir die letzten paar Meter zum Parkplatz. Der Schmerz im Knie ist zwar nicht weg, und bei jeder leicht drehenden Bewegung fühlt es sich gar nicht gut an, aber es tut insgesamt weniger weh als direkt nach dem Sturz, und ich hoffe, dass ich für den Rest des Urlaubs wanderfähig bleibe (und so ist es nach ein paar Tagen Pause auch).

Am Parkplatz trifft Kai kurz nach uns ein, und nach dem finalen „Wir-haben-fertig-Bild“ fahren wir direkt ohne Dusche und Umziehen zu dritt zum Essen, und genießen Auswahl aus den leckersten Gerichten und das Nicht-Zuständig-Sein für das Kochen und Abwaschen – kurz, die Zivilisation mit ihren unbestreitbaren Annehmlichkeiten hat uns auf nette Weise wieder.

Nicht so richtig salonfähig, aber sehr zufrieden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s